Die Fenestra
Das Fenster zum Himmel ist nah am Tor zur HölleSo lange Meridian Sozu denken kann, ist sie ein kränkelndes, übernächtigtes Mädchen, das Magenschmerzen hat und sich ausgelaugt fühlt. Sie ist nicht gerade Everybody's Darling – im Gegenteil: Man lädt sie nicht zu Geburtstagsfeiern ein, und in der Schule raunen ihr die anderen Spitznamen wie Todesbotin, Hexe oder Totengräberin zu. Denn der Tod haftet an ihr wie Klebstoff: Wenn kleine Tiere spüren, dass sie sterben, kommen sie zu Meridian. Dass morgens tote Insekten oder Mäuse auf ihrem Kopfkissen liegen, gehört für sie zum Alltag wie Cremetörtchen essen. Allerdings ist ihr bisher nicht in den Sinn gekommen, dass die Seelen der Tiere durch sie hindurchwandern, wenn sie auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe sind. Dass es die Tiere sind, die ihr die Lebensenergie abzapfen.
»In der Ökonomie der Natur geht nichts verloren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die menschliche Seele die einzige Ausnahme sein soll.«
Gene Stratton-Port, 1923
All das wird Meridian Knall auf Fall an ihrem 16. Geburtstag klar. Als vor ihrem Haus ein Autounfall passiert, bekommt sie es erstmals mit menschlichen Seelen zu tun. Deren Wanderung ins Jenseits verläuft plötzlich direkt durch ihren Körper! Meridian erfährt den Schmerz und die Erinnerung der Sterbenden am eigenen Leib – eine Erfahrung, die sie fast das Leben kostet. Eine „Begabung“, die ihre Eltern und ihren kleinen Bruder Sam in Gefahr bringt. Nach dem Auto-Crash geht alles Schlag auf Schlag: Ihre Eltern setzen Meridian mit einem One-way-Ticket und einem Rucksack in den Bus. Sie solle zu ihrer hunderte Meilen entfernten Großtante Merry reisen, die ihr alles erklären würde. Am besten solle sie niemals wiederkehren.
»Wenn geliebte Menschen Abschied von ihren Körpern nehmen, und zum ersten Mal in der Lage sind, uns zu sehen, nun, dann ist es zu spät für Erklärungen. Also brennen wir hell und werden zur Tür, zum Weg, der von diesem Leben ins Jenseits führt.«
Jocelyn Wynn, 1770 – 1878
Meridian wird von einem Schock zum nächsten gejagt: Nicht genug, dass sie entkräftet im Schneesturm bei ihrer Tante ankommt. Nicht genug, dass die in einer Art Spukschloss in the middle of nowhere lebt. Nicht genug, dass ein Wolf sie anfällt und der junge Mitbewohner ihrer Tante, ein gewisser Tens, sie arrogant und abfällig behandelt. Nein, von ihrer steinalten Tante mit dem Steppdecken-Tick erfährt Meridian auch noch das ganze Ausmaß ihrer zweifelhaften Gabe: Sie gehört zu den wenigen Fenestras auf dieser Welt. Fenestras können die Seelen der Verstorbenen in den Himmel begleiten. Doch dafür muss Meridian noch viel lernen. Als erstes lernt sie: Die Pforte zum Himmel zu sein ist die Hölle. Es bedeutet nämlich auch, die Angriffe der Aternocti abwehren zu müssen. Denn die Fenestras haben mächtige Gegenspieler, die die Seelen lieber im Reich der Finsternis haben wollen ...
Amber Kizer
hat mit den Fenestrae und den Aternocti zwei brandneue, faszinierende Wesensarten erfunden, die für ganz großes Lesekino sorgen.
„She takes her tea black, her custard frozen, and her men witty“:
Mehr Informationen über die Autorin auf www.AmberKizer.com.

