Interview mit Brom
Autor von „Der Kinderdieb“ Auszüge aus einem Gespräch mit Christian EndresPAN VERLAG: Hallo Brom – in den letzten Jahren hast du dich als einer der populärsten und erfolgreichsten Künstler und Illustratoren fantastischer Stoffe unserer Zeit etabliert. Wie kamst du dazu, jetzt auch noch Bücher zu schreiben?
Brom Ich habe es schon immer geliebt, Geschichten zu erzählen, mit Bildern und mit Worten und besonders mit beidem. Als Kind fand ich es toll, kleine Bücher zu machen: Papier, Worte, Bilder, Tacker, und schwupps hattest du ein Buch! Jetzt ist es immer noch fast dasselbe: Papier, Worte, Bilder, Computer, und schwupps hast du ein Buch. Mein Kopf ist voller Visionen. Deshalb bemühe ich mich, neue Formen künstlerischer Ausdrucksweise zu finden, um diese Visionen auf möglichst viele Wege zum Leben zu erwecken.
PAN VERLAG: Der Kinderdieb ist nach The Plucker (2005) und Devil’s Rose (2007) dein drittes Werk als Autor und Illustrator in Personalunion. Was hat sich seit den früheren Arbeiten für dich verändert?
Brom Meine früheren Bücher waren wesentlich stärker von den Bildern beherrscht. Es war immer eine Verschmelzung von Bildern und Worten. Inzwischen habe ich eine so große Leidenschaft fürs Schreiben entwickelt, dass ich mit Der Kinderdieb einen Roman schreiben wollte, der mit seiner Prosa alleine für sich stehen konnte. Damit liegt der Fokus heute also klar auf dem geschriebenen Wort.
PAN VERLAG: War die Umstellung schwierig? Jetzt »malst« du ja gewissermaßen mit Worten vor dem inneren Auge deiner Leser.
Brom Die Prozesse des Malens und des Schreibens erscheinen mir ziemlich ähnlich, da sie beide aus dem Teil meines Gehirns kommen, in dem Bilder entstehen. Der Unterschied ist, dass das Schreiben wie das Ansehen eines Films ist, bei dem ich alle Rollen spiele. Malen dagegen bedeutet, einen Moment dieses Films zu nehmen und ihn zum stärksten Bild zu machen, das ich mir vorstellen kann.
PAN VERLAG: Wie schwer ist es, eine eigene Geschichte zu illustrieren, nachdem du schon so oft die Werke anderer zum Leben erweckt hast?
Brom Es ist das, was mir am meisten Spaß macht. Die beiden Künste inspirieren sich gegenseitig. Selbst noch so vage Ideen kommen schon mit Bildern in meinen Kopf. Ich mache ein paar Skizzen, dann schreibe ich ein bisschen. Es ist ein ständiges Hin und Her. Ich nutze dabei Ideen, die ich in dem einen Medium entdecke, um das andere zu stärken.
PAN VERLAG: Kannst du uns deine Arbeitsweise für eine Illustration von Der Kinderdieb schildern?
Brom Ich beginne mit einem lockeren Sketch und gehe immer wieder drüber. Schicht für Schicht verfeinere ich so das Motiv – fast so, wie man das auch beim Schreiben macht. In jedem Fall schaue ich, dass ich immer noch genügend Raum für Einfälle und Entdeckungen lasse, während ich mich dem Ziel nähere.
PAN VERLAG: Wann bist du zum ersten Mal J. M. Barries Peter Pan begegnet?
Brom Ich habe das Buch als Kind gelesen, und obwohl ich es mochte, hat es bei mir keinen großen Eindruck hinterlassen. Erst als ich es als Erwachsener noch einmal las, wusste ich die Tiefe der Fantasie darin richtig zu würdigen. Vielleicht, weil ich als Erwachsener den Verlust meines jugendlichen Optimismus', der Freiheit und der Unbekümmertheit von damals betrauerte.
PAN VERLAG: Wie kamst du dazu, deine eigene, düstere Interpretation dieses Klassikers auf die Beine zu stellen?
Brom Einfach dadurch, dass ich die Originalgeschichte gelesen habe. Ich war überrascht, was für eine verstörende Geschichte Peter Pan in Wirklichkeit ist. Hier ist ein Originalzitat aus Barries Peter Pan: »Die Anzahl der Jungen auf der Insel schwankt, je nachdem, wie viele getötet werden und so weiter. Manchmal scheinen sie auch erwachsen zu werden, was gegen die Regeln verstößt, und dann dünnt Peter sie aus.« Er dünnt sie aus? Was soll das heißen? Bringt Peter sie um, so wie man ein Herdentier keult? Schickt er sie irgendwohin? Wenn ja, wohin? Oder setzt Peter sie so großer, zerstörerischer Verderbnis aus, so dass er seine Bande ständig mit neuen Mitgliedern auffüllen muss? Dieser eine Abschnitt hat meine Wahrnehmung von Peter Pan auf immer verändert und machte aus einem aufgeblasenen Schuft etwas wesentlich Unheilvolleres. Peter selbst sagt ja, dass Sterben ein großartiges Abenteuer sei. Während ich über diese verwirrenden Elemente nachdachte, begann ich mich zu fragen, wie das Kinderbuch wohl aussehen würde, wenn man den Schleier von Barries lyrischer Prosa lüften, wenn man Gewalt und Grausamkeit in einer grimmigen, harten Realität präsentieren würde. Wie würden die Kinder reagieren, nachdem sie entführt und in so eine Situation gestoßen wurden? Wie würde es für sie sein, einem charismatischen Soziopathen zu verfallen, die Moral der Zivilisation abzustreifen und eiskalte Killer zu werden? Diese Gedanken legten den Grundstein für Der Kinderdieb.
PAN VERLAG: Das Urheberrecht von Peter Pan wird besonders behandelt und ist auf lange Sicht streng geschützt. Hat das deine Arbeit beeinflusst und dich weiter als geplant von der Vorlage abrücken lassen?
Brom In den meisten Ländern ist Peter Pan gemeinfrei. So oder so wollte ich aber nie eine Neuerzählung von Barries Geschichte schreiben, sondern meine eigene Mythologie schaffen – die sagenhafte Geschichte, aus der Peter Pan möglicherweise entstanden sein könnte. Deshalb habe ich die meisten Figuren von Barries Peter Pan ausgebaut und verändert.
PAN VERLAG: Wie wichtig war Arthur Rackham, der erste Illustrator des Stoffes, für deine Arbeit?
Brom Ich bin ein großer Fan. Hoffentlich sieht man ein bisschen was von seinem Einfluss in den Bleistiftzeichnungen, die ich für das Buch angefertigt habe.
PAN VERLAG: Peter Pan ist als Buch wie als Figur unsterblich. Wolltest du das zum Ausdruck bringen, indem du die Geschichte in unsere Zeit geholt hast?
Brom Das war ein Aspekt. Mehr noch wollte ich Peter aber durch Nicks Augen beschreiben - die Augen eines modernen Kindes. Ich hatte das Gefühl, dass das dabei helfen könnte, zu zeigen, wie Furcht erregend so ein Abenteuer wirklich sein kann.
PAN VERLAG: Das war ein Aspekt. Mehr noch wollte ich Peter aber durch Nicks Augen beschreiben - die Augen eines modernen Kindes. Ich hatte das Gefühl, dass das dabei helfen könnte, zu zeigen, wie Furcht erregend so ein Abenteuer wirklich sein kann.
Brom Gott, nein! Ich möchte meine Leser bloß unterhalten. Ich will, dass meine Fiktion den Leser von seinen Sorgen wegführt und in eine andere Welt trägt.
PAN VERLAG: Dein Peter – Retter gefallener Kinder, oder sündiger Kinderdieb und Verführer?
Brom Beides. Er ist die Quintessenz dessen, was man einen amoralischen Charakter nennt.
PAN VERLAG: Gibt es Pläne, Der Kinderdieb als Film zu adaptieren? Visuell genug ist deine Aufbereitung ja schon.
Brom Wir versuchen es, aber dieser Weg kann lang, heimtückisch und voller Schurken sein (grinst).
PAN VERLAG: Hast du schon neue Romanprojekte geplant?
Brom Ja, eine ganze Menge. Ich hoffe, dass ich lange genug lebe, um sie alle umzusetzen.
Erschienen in
das Interview führte Christian Endres



