EIN INTERVIEW DER BESONDEREN ART
MIT JAMES A. MORGAN
Die meisten Leute wissen nicht, dass es sie gibt. Menschen sowieso nicht,
aber nicht einmal ihresgleichen. Sie hinterlässt keine Süßigkeiten oder Geld,
sie verbirgt weder ihren Namen, noch frisst sie kleine Kinder. Sie sorgt nur dafür,
dass die Geheimnisse der Feenwelt auch geheim bleiben. Wenn die Tore durchbrochen werden,
wenn Unbeteiligte zu Beteiligten werden, breitet sie ihre Flügel aus und macht sich mit ihrer Aktentasche auf den Weg,
um die Reiche unter den Hügeln zu beschützen – mit Stift, Lesebrille und Notizblock, auf dem sie akribisch alle offenen
Fragen abhakt.
FALL NUMMER: 53.878 Betreff: Morgan, J. A. B…, Virginia, USA
Anmerkung der Interviewerin: Die Person schläft weit ausgestreckt und in eine Decke gewickelt. Als ich mich auf seine Brust setzte, musste ich ihn zusätzlich in die Wange pieksen, damit er aufwacht. Ich gehe nicht davon aus, dass dies ein schwieriges Interview wird.
Frage: Bitte nennen Sie Ihren vollen Namen.
Antwort: James A. Morgan. Das A steht für Annabel. Meine Eltern haben mich gehasst. Nein, Quatsch. Das A steht für Antioch. Meine Eltern haben mich also wirklich gehasst. Eigentlich ist das so: Mein Vater und mein Onkel (der, das möchte ich nur mal anmerken, vollkommen durchgeknallt ist) sind beide Anthropologen. Das bedeutet, dass sie irgendwelchen Mist ausbuddeln und dann die freundlichsten Eingeborenen, die sie finden können, fragen, warum sie das Zeug überhaupt erst vergraben haben. Und Antioch bedeutet ihnen wohl beiden irgendwas. Ich erzähle den Leuten immer, sie hätten die Stadt nach mir benannt.
Anmerkung der Interviewerin: Der Junge beherrscht nicht einmal die Grundregeln der Kommunikation.
Frage: Beruf?
Antwort: Was schreiben Sie denn da, ist das ein Steuerformular? Sechzehnjährige haben keinen Beruf. Wir sind jung und frei und so weiter. Okay, na schön: Ich bin ein prä-emanzipierter amerikanischer Teenager von der musikalischen Sorte. Wenn Sie damit was anfangen können …
Anmerkung der Interviewerin: Der Junge zeigt offene Feindseligkeit. Potenziell problematisch.
Frage: Wie haben Sie das Kleeauge kennengelernt?
Antwort: Sie hat sich in der zweiten Klasse gleich am ersten Schultag auf mich übergeben. Ich weiß noch, damals habe ich mich gewundert, dass in ein so zierliches Mädchen so viel reinpassen kann, wie sie ausgekotzt hat. Sie können sich ja bestimmt vorstellen, dass das einfach Liebe auf den ersten Blick war. Und daraus hat sich ein richtiges Muster entwickelt, wissen Sie? Sie musste immer kotzen, wenn sie nervös wurde, und ich wusste schon, wann ich ausweichen muss … wir sind sozusagen das perfekte Paar.
Frage: Wie stehen Sie gegenwärtig zu den Feen?
Antwort: Die können mich mal kreuzweise. Leute. Meine Karre. Meine verdammte Karre. Ich hätte wirklich Lust, mal ein paar Feenhügel mit Klopapier zu umwickeln.
Anmerkung der Interviewerin: F… nach Toilettenpapier fragen. Stellt das eine ernstzunehmende Bedrohung dar?
Frage: Erzählen Sie mir von Ihren eigenen magischen Fähigkeiten. Wann haben Sie sie zum ersten Mal bemerkt?
Antwort: Meine … was? Ach … ach so. Diese Hellseherei. Ja, ich bin ein beschissener Hellseher. Liegt wohl in der Familie. Verglichen mit Dee und ihren abgefahrenen Freak-Fähigkeiten bin ich magisch eher minderbemittelt. Aber ja, wenn merkwürdige Dinge geschehen, wird mir kalt. Und glauben Sie mir, in letzter Zeit war eine Menge Gänsehaut angesagt.
Frage: Haben Sie Pläne für die Zukunft? Natürlich angenommen, Sie überleben, mein Junge.
Antwort: Die Weltherrschaft, Süße. Drunter mach ich’s nicht.
Anmerkung der Interviewerin: Ich denke an einen zweiten Besuch zu einem Zeitpunkt, wenn der Junge nicht ganz so sarkastisch ist. Allerdings fürchte ich, dass sich diese Gelegenheit nie ergeben könnte.
Aufgezeichnet von Maggie Stiefvater und Tessa Gratton.
