„Nie die Hoffnung aufgeben!“

Ein Interview mit Malinda Lo

Malinda Lo wurde am 3. August 1974 in Guangzhou, China, geboren, wuchs im amerikanischen Bundesstaat Colorado auf und lebte in Boston, New York, London, Beijing und Los Angeles, bevor sie sich in der Nähe von San Francisco mit ihrer Partnerin niederließ. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften, Sinologie, Kultur- und Sozialanthropologie am renommierten Wellesley College und an den Universitäten Harvard und Standfort. Malinda Los Debütroman ASH wurde unter anderem von der Vereinigung amerikanischer Bibliothekare als bestes Jugendbuchdebüt des Jahres ausgezeichnet.

PAN VERLAG: Liebe Malinda Lo, fangen wir mit einigen persönlichen Fragen an, damit die deutschen Leser Sie kennenlernen: Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten – was würden Sie sich wünschen?

Malinda Lo Gar nichts. Ich habe genug über Feen und Wünsche gelesen, um zu wissen, dass bei drei Wünschen die Katastrophe vorprogrammiert ist. Und es gibt auch nichts, das ich in meinem Leben ändern wollen würde.

PAN VERLAG: Nehmen wir trotzdem einmal an, wir könnten Ihnen einen Wunsch erfüllen und Sie zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen an drei unterschiedliche Orte schicken – wohin würden Sie reisen?

Malinda Lo Ich würde mit einem Frühstück in Athen anfangen, um mich auf einen ganzen Tag, den ich essend verbringen werde, mit etwas Gesundem wie Joghurt einzustimmen. Zu Mittag essen würde ich in Taipeh, und zwar Rindfleischsuppe mit Nudeln. Ich habe gehört, dass sie dort am besten sein soll! Abends ginge es dann weiter nach Shanghai, hoffentlich in Begleitung mehrerer Leute, damit wir uns ein richtiges Acht-Gänge-Menü gönnen können.

PAN VERLAG: Und wenn Sie sich wünschen könnten, bei einem historischen Ereignis dabei gewesen zu sein – welches wäre es?

Malinda Lo Die Mondlandung.

„Endlich begriff ich, dass ich Talent habe“

PAN VERLAG: Erzählen Sie uns ein bisschen darüber, wie Sie Schriftstellerin wurden.

Malinda Lo Ich habe schon immer gern geschrieben und mein erstes „Buch“ mit sechs oder sieben Jahren verfasst. Obwohl ich schon ziemlich früh zu hören bekam, wie begabt ich bin, brauchte ich einige Zeit, um wirklich an mich zu glauben. Vermutlich habe ich erst auf dem College, als eine meiner Kurzgeschichten mit dem Johanna-Maniewicz-Davis-Preis für Prosaliteratur ausgezeichnet wurde, endlich begriffen, dass ich Talent habe. Ich weiß noch, wie ich von dieser Auszeichnung erfuhr – es war ein wundervoller Augenblick!

PAN VERLAG: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Malinda Lo Ich versuche, einen ziemlich regelmäßigen Tagesablauf einzuhalten, weil ich mich so besser konzentrieren kann. Morgens beim Frühstück frage ich meine E-Mails ab und lese ein paar Blogs. Gegen acht fängt mein Hund normalerweise an zu quengeln, weil er raus will. Also gehe ich etwa eine Stunde lang mit ihm spazieren. Wenn ich zurückkomme, schalte ich bis zum Mittag den Internetzugang ab, um mich ganz auf das Schreiben konzentrieren zu können. Ich mache immer eine Mittagspause (Essen ist mir sehr, sehr wichtig) und sehe währenddessen noch einmal nach meinen Mails. Zwischen eins und halb zwei setze ich mich dann erneut an die Arbeit. Dazu wird der Internetzugang wieder gekappt. Für gewöhnlich arbeite ich etwa bis um fünf. Manchmal lege ich nachmittags eine Laufpause ein; das ist besonders hilfreich, wenn ich mit einer Sache nicht weiterkomme. Ich finde, beim Laufen ans Schreiben zu denken, führt fast immer zur Lösung des Problems.

PAN VERLAG: Was schreibt sich schwieriger: der erste oder der letzte Satz eines Buches?

Malinda Lo Meiner Ansicht nach ist das bei jedem Buch anders. Bei ASH ist mir der erste Satz sehr leicht gefallen; es hat sich vom ersten Entwurf bis zur endgültigen Fassung nichts daran geändert. Der letzte Satz hingegen wurde einmal revidiert, und zwar nach einer Anmerkung einer frühen Leserin und guten Freundin. Der Änderungsvorschlag war so ausgezeichnet, dass ich danach alles so stehenlassen konnte. Bei meinem nächsten Roman jedoch scheint der erste und der letzte Satz bei jeder Fassung anders auszusehen. Man weiß es also nie!

PAN VERLAG: Sie sind Journalistin. Erleichtert das Ihrer Meinung nach das Schreiben von Romanen oder wird es dadurch schwieriger?

Malinda Lo Ich habe bereits Romane geschrieben, bevor ich Journalistin wurde. Als Teenager habe ich drei vollständige Fantasyromane verfasst! Ich bin damals aber auch nicht oft unter Leute gegangen. Darauf folgte jedoch eine lange Zeit, in der ich überhaupt keine Belletristik geschrieben habe, so dass die Rückkehr vom Sachtext zum Roman einige Jahre dauerte. Ich musste wieder lernen, wie man eine Geschichte erzählt. Ich finde, dass sich in einigen journalistischen Texten eine Geschichte verbirgt, doch bei den meisten meiner Artikel war das nicht der Fall. Es handelte sich eher um Essays oder Analysen, was etwas völlig anderes ist als die Romane, die ich schreibe. Andererseits habe ich als Journalistin gelernt, beim Schreiben diszipliniert zu sein, Abgabetermine einzuhalten und mich nicht nur auf die Inspiration zu verlassen. Das war beim Schreiben von Romanen sehr hilfreich.

PAN VERLAG: Was inspirierte Sie?

Malinda Lo Fast alles kann inspirierend wirken, aber ich stelle oft fest, dass ich in Sachbüchern Dinge entdecke, die meine Phantasie anregen. Besonders interessiere ich mich für Philosophie, Kultur und die großen Lebensfragen: Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Worum geht es in der Liebe? Themen wie diese sind stets sehr inspirierend für mich.

„Träume, die wahr werden“

PAN VERLAG: Was hat Sie konkret zu ASH inspiriert?

Malinda Lo Als Kind hat mich Geschichte von Cinderella, wie Aschenputtel im englischen Sprachrauch heißt, absolut fasziniert. Später bin ich dann auf Robin McKinleys Roman „Beauty“ gestoßen, eine Neuerzählung von „Die Schöne und das Biest“, die mir gezeigt hat, wie wundervoll und facettenreich die Interpretation eines Märchens sein kann. Als ich dann beschloss, mich an einen Roman zu wagen, habe ich mich entschieden, das Buch zu schreiben, das ich schon immer hatte lesen wollen: eine Neufassung von Cinderella.

PAN VERLAG: Hatten Sie dabei eigentlich auch die Disney-Fassung vor Augen?

Malinda Lo Als Erwachsene kann ich verstehen, warum viele diese Version nicht mögen: Die Geschichte wird ziemlich verkitscht, und außerdem ist Cinderella so entsetzlich brav. Aber als Sechsjährige habe ich sie geliebt. Sie handelt von Träumen, die wahr werden, und wer wünscht sich das nicht? Um aber auf die Frage zurückzukommen: Bevor ich anfing, ASH zu schreiben, habe ich viel recherchiert und verschiedene Versionen des Märchens vom Aschenputtel gelesen. Außerdem habe ich mich mit Sekundärliteratur zum Thema Märchen und auch mit volkstümlichen Feenmythen beschäftigt. Da ich ausgesprochen gerne recherchiere, habe ich es sehr ausführlich getan.

PAN VERLAG: Haben Sie dabei auch Jugendromane gelesen?

Malinda Lo Das habe ich – ich nenne lieber keine Titel, denn sie haben mich nicht begeistert. Viele Jugendromane handeln heute von Mädchen, die sich Hals über Kopf verlieben, nur weil die Jungs sexy oder schwermütig sind, und damit kann ich wenig anfangen.

PAN VERLAG: Erklären Sie mir das?

Malinda Lo In Romanen verlieben sich Mädchen oft auf den ersten Blick in einen Jungen, und zwar nur, weil er gut aussieht. Diese Attraktivität wird dann bis ins kleinste Detail beschrieben. Wahrscheinlich gibt es viele Leser, die ganz genau wissen wollen, wie eine Figur aussieht, aber ich gehöre nicht dazu. Wenn eine Romanfigur gutaussehend sein soll, dann will ich nicht lesen, warum genau es so ist, denn es besteht schließlich die Möglichkeit, dass ich ihn dann gar nicht mehr anziehend finden würde, weil er einfach nicht mein Typ ist. Viel wichtiger als das Aussehen sollte es doch sein, worum es in jeder Liebesgeschichte geht: um die Vorfreude, die Hoffnung, die Sehnsucht. Was mich außerdem stört ist, wenn die Persönlichkeit eines Jungen nicht mit seiner Attraktivität mithalten kann. Oft ist es so, dass der Junge so verliebt in das Mädchen ist, dass es ihm nur noch um sie geht – er muss sie beschützten, er musst sie glücklich machen und so weiter. Als Leserin wünsche ich mir aber Figuren, die ihre eigenen, ausgeprägten Persönlichkeiten haben. Ich bin außerdem kein Fan von der Idee, dass Jungs ihre Freundinnen die ganze Zeit bewachen und Mädchen sich danach sehnen, so beschützt zu werden. In einer romantischen Beziehung sollte es um mehr gehen und beide sollten ihre eigenen Dinge tun können, ganz egal ob in einem Roman oder im wahren Leben.

PAN VERLAG: In ASH hat Ihre Hauptfigur das Gefühl, dass sich ein Mädchen eigentlich nur zwischen zwei Übeln entscheiden kann – einem schönen, aber kalten Feenmann oder einem sympathischen, jedoch langweiligen Prinzen. Meinen Sie, dass moderne Mädchen noch immer so denken? Und was würden Sie Ihnen raten?

Malinda Lo Ich weiß, dass viele Mädchen Schwierigkeiten haben, den Richtigen (oder die Richtige) zu finden. Das ist völlig normal. Da ich selbst lange Zeit solo war, kann ich nur sagen: Nie die Hoffnung aufgeben!

„Nimm den Fuß vom Gaspedal“

PAN VERLAG: Lassen Sie uns nun noch ein bisschen über Sie sprechen. Was ist das Geräusch Ihrer Kindheit?

Malinda Lo Tonleiter auf dem Klavier. Meine Mutter ist Klavierlehrerin, und ich hatte elf Jahre lang Unterricht. Immer wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, höre ich das Klavier.

PAN VERLAG: Welcher Kindheitstraum hat sich noch nicht verwirklicht?

Malinda Lo Ich habe mir ein Pferd gewünscht und besitze noch immer keines.

PAN VERLAG: Was war die beste Entscheidung Ihres Lebens?

Malinda Lo Die beste Entscheidung meines Lebens war, mich zum ersten Mal mit meiner Partnerin Amy zu verabreden. Dicht gefolgt von: die Promotion abzubrechen, um Schriftstellerin zu werden.

PAN VERLAG: Was bereitet Ihnen schlechte Laune?

Malinda Lo Aggressive Autofahrer.

PAN VERLAG: Und gute Laune?

Malinda Lo Eiscreme!

PAN VERLAG: Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?

Malinda Lo Ich glaube, meine Lieblingsschriftstellerin ist Sarah Waters, weil sie so wundervolle Geschichten erzählt. Ich liebe alle ihre Bücher.

PAN VERLAG: Wie lautet Ihre Lebensphilosophie?

Malinda Lo Sei gütig zu deinen Mitmenschen und nimm den Fuß vom Gaspedal.